Gewünschter Betreuungsumfang in Kindertagesbetreuung

Mit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten vollendeten Lebensjahr soll auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefördert werden. So führen unter anderem die zunehmende Flexibilisierung von Arbeitszeiten sowie die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen, insbesondere von Müttern, zu einer höheren Nachfrage nach öffentlichen Betreuungsangeboten und nach flexibleren Betreuungszeiten, was mit einer erhöhten Bedeutsamkeit öffentlicher Bildung und Erziehung einhergeht (vgl. Viernickel/Fuchs-Rechlin 2015). Auch Stahl und Schober (2016) legen mit ihren Ergebnissen nahe, dass der Ausbau eines ganztägigen Kindertagesbetreuungsangebotes zu mehr wahrgenommener Zufriedenheit bei den Müttern führt. Bedarfsgerechte zeitliche Betreuungsumfänge sind jedoch stets vor dem Hintergrund der Sicherstellung des Wohls des Kindes und der Befriedigung seiner Bedürfnisse zu gewährleisten. Inwiefern die vertraglich vereinbarten Betreuungszeiten den von den Eltern für ihr Kind gewünschten Betreuungszeiten entsprechen, veranschaulicht der vorliegende Indikator. Dabei wird zum einen anhand der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik analysiert, in welchem zeitlichen Umfang Kinder derzeit Angebote der Kindertagesbetreuung (KiTa und Kindertagespflege) nutzen. In dieser Statistik werden jährlich die wöchentlichen Betreuungszeiten, die für jedes Kind vertraglich vereinbart worden sind, stundengenau und differenziert nach genutzter Betreuungsform und Altersjahren erfasst. Zum anderen wird anhand der Daten der DJI-Kinderbetreuungsstudie U12 (2018) analysiert, welchen Betreuungsumfang sich Eltern für ihr Kind wünschen (s. methodische Hinweise).

Laut der DJI-Kinderbetreuungsstudie U12, einer repräsentativen Befragung von Eltern zur Betreuung von unter 12-jährigen Kindern aus dem Jahr 2018 (s. methodische Hinweise), entspricht der vertraglich vereinbarte Betreuungsumfang bei den unter dreijährigen Kindern in KiTas und Kindertagespflege in weiten Teilen derzeit noch nicht dem von Eltern gewünschten Betreuungsumfang (vgl. BMFSFJ 2019): 2018 wünschen sich 30 % der befragten Eltern einen Betreuungsplatz mit einem Zeitumfang von mehr als 25 bis unter 35 Wochenstunden in einer KiTa oder in der Kindertagespflege. Dieser Betreuungsumfang wird auch von 29,6 % der Eltern tatsächlich vertraglich vereinbart. Sie buchen eher einen höheren Betreuungsumfang in Höhe von 45 Wochenstunden und mehr (35,6 %) als sie tatsächlich möchten (14 %).

Dabei ergeben sich landesspezifische Unterschiede: So entsprechen zum Beispiel in Niedersachsen die vertraglich vereinbarten Betreuungszeiten in etwa den von den Eltern geäußerten Wünschen. 60 % der Eltern möchten hier einen Platz bis zu 35 Wochenstunden in Anspruch nehmen und 59,9 % haben diesen Umfang auch vertraglich gebucht. Demgegenüber besteht zum Beispiel in Berlin eine größere Diskrepanz bei der Passgenauigkeit von gewünschter und tatsächlich gebuchter Betreuungszeit. Hier wünschen sich 45 % der Eltern einen Platz mit mehr als 35 bis unter 45 Wochenstunden für ihr unter dreijähriges Kind; vereinbart wurde dieser zeitliche Umfang letztendlich tatsächlich von 3,1 %. Stattdessen wird von 67,7 % der Eltern ein Betreuungsumfang von 45 Wochenstunden und mehr gebucht; gewünscht wird sich dieser allerdings nur von 19 % der befragten Eltern. 

Auch bei den älteren Kindern ab drei Jahren bis zum Schuleintritt entsprechen die vertraglich vereinbarten Betreuungszeiten nicht den von den Eltern geäußerten Wünschen. Um ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot zur Verfügung zu stellen, gilt es die Bedarfe der Eltern unter Berücksichtigung des Kindeswohls stärker einzubeziehen.

In der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik werden die wöchentlich vertraglich vereinbarten Betreuungszeiten erfasst. Anhand der amtlichen Statistik kann darüber hinaus grundsätzlich keine Aussage über die tatsächliche Nutzungsdauer der Betreuungsangebote getroffen werden. Ausgewiesen wird der vertraglich vereinbarte Betreuungsumfang.

Die DJI-Kinderbetreuungsstudie wird seit 2016 jährlich vom Deutschen Jugendinstitut durchgeführt und schließt an die KiföG-Länderstudie an, die im Rahmen der KiföG-Evaluation von 2012 bis 2015 vom DJI durchgeführt wurde. Bis 2017 wurden in der DJI-Kinderbetreuungsstudie Eltern von unter 15-jährigen Kindern befragt, ab 2018 von unter 12-jährigen Kindern. Ziel der Studie ist es, differenzierte Informationen zur Inanspruchnahme von Kindertagesbetreuungsangeboten sowie zu den elterlichen Betreuungsbedarfen auf Ebene der Bundesländer zu erhalten. Dazu wurden circa 33.000 Eltern von Kindern im Alter von unter zwölf Jahren befragt. Der gewünschte Betreuungsumfang wird nur bei den Eltern erhoben, die auch einen Bedarf für einen Betreuungsplatz angegeben haben. Es wird dabei nicht unterschieden zwischen dem gewünschten Betreuungsumfang in Kindertagespflege oder KiTa.a

Quelle

Quelle ab 2018:
Deutsches Jugendinstitut: DJI – Kinderbetreuungsreport 2019 (Erhebung 2018).

FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder sowie Statistisches Bundesamt, Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege 2018; berechnet vom LG Empirische Bildungsforschung der FernUniversität in Hagen.

Quelle bis 2017:
Deutsches Jugendinstitut: DJI - Kinderbetreuungsreport 2016, 2017.

Literatur
[BMFSFJ] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2019): Kindertagesbetreuung Kompakt. Ausbaustand und Bedarf 2018. Ausgabe 04. Berlin.

Stahl, Juliane/Schober, Pia (2016): Ausbau der ganztägigen Kindertagesbetreuung kann zur Zufriedenheit von Müttern beitragen, DIW-Wochenbericht, 83(37), S. 840-847.

Viernickel, Susanne/Fuchs-Rechlin, Kirsten (2015): Fachkraft-Kind-Relationen und Gruppengrößen in Kindertageseinrichtungen. Grundlagen, Analysen, Berechnungsmodell, in: Viernickel, Susanne/Fuchs-Rechlin, Kirsten/Strehmel, Petra/Preissing, Christa/Bensel, Joachim/Haug-Schnabel, Gabriele (2015): Gute Qualität für alle. Wissenschaftlich begründete Standards für die Kindertagesbetreuung. Freiburg, S. 131-252.